Interview mit Veeno von Maike Wessel
Bei einem Mandala geht es immer um ein Zentrum inmitten eines Kreises. Es ist eine uralte Tradition von spiritueller Kunst in den alten Kulturen der Inder, Tibeter, Incas und anderen, in der die großen Themen des Lebens Ausdruck finden wie die Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz, nach dem Transzendenten, nach der geheimnisvollen Ganzheit hinter den unzähligen Erscheinungsformen. Ein Mandala wirkt durch seine Schwingungen auf den Betrachter. Alles was IST, im Universum wie in der kleinsten Zelle, kreist um einen Kern, zu dem es immer in Bezug steht, auch wenn es chaotisch aussehen mag. Ich denke, es gibt nichts, was außerhalb dieser Ordnung existiert.
Solange das Zentrum und der Kreis respektiert werden, ist alles möglich in einem Mandala, selbst Polaritäten, denn zusammen ergeben sie ja wieder das Ganze. Nichts existiert ohne das Gegenteil. Im Kreis eingerahmt koexisistieren die Pole in kreativem Spiel. Liebe und Hass sind zum Beispiel bloss zwei Aspekte derselben Energie. Solange der Kreis jedoch ein sichtbares Zentrum hat, ist alle Freiheit des Ausdrucks gewährleistet. Das Zentrum hat eine geradezu magische Wirkung.
Ja, meinem Empfinden nach ist es die Anerkennung der Mitte, die Anerkennung, dass ich eine Mitte in mir selbst habe. Viele Menschen verlieren sich sehr im Außen und haben vergessen, dass es ein Zentrum gibt. Aber es ist da. Das ist das Wunderbare an Mandalas: Etwas wird geordnet. Das Unbewusste erkennt die Sehnsucht, wieder zentriert zu sein, Gedanken und Gefühle können sich ordnen. Schöpfer und Betrachter von Mandalas können durch diese Kraftbilder ihre eigene Mitte stärker spüren oder wieder entdecken.
Mandalas helfen uns, zu uns selbst zu kommen. Sie wirken beruhigend und entspannend. Sie wecken zudem Interesse für etwas, das vielleicht nicht mehr im Bewusstsein ist, aber die Sinne öffnen sich dafür.
Sie beeinflussen den Betrachter sehr, aber nicht indem sie manipulativ verändern, sondern indem sie uns zurückführen auf das, was ist, die Essenz, ein lebendiger Tanz um das Zentrum. Ein Mandala wirkt direkt auf das Unbewusste, weil es ein Bild ist, weil es Form und Farbe ist, und dafür brauchen wir nicht den Verstand um es aufzunehmen und wirken zu lassen. Das Unbewusste nimmt die Information auf wie ein Schwamm, weil es eine Sehnsucht hat, zur Ruhe zu kommen und mit sich in Frieden zu sein. Das ist die Qualität des Zentrums, Ruhe in sich selbst.
Ein Mandala vibriert energetisch. Wie, das hängt vom Bewusstseinzustand der Person ab, die es geschaffen hat: ob die Schwingungen stark oder schwach sind, ob sie individuell oder universell wirken. Man muss Mandalas keinesfalls nur anschauen, um ihre Wirkung zu erfahren, sie schwingen von sich aus. Ich zum Beispiel liebe es sehr, meine Mandalas nicht anzuschauen, sondern mit geschlossenen Augen ihre Energiewellen zu spüren. Sie schwingen mit dem Rhythmus des Lebens und der Benutzer kann sich mit ihrer Hilfe tiefer in diesen Rhythmus einschwingen.
Ein Mandala ist nie manipulativ, nie negativ. Die Energien sind freundlich, sie wollen nichts verändern, sondern sind nur Einladungen. Sie wirken nur so weit, wie der Nutzer sich – bewusst und unbewusst – dafür öffnet. Es ist wie ein Fenster, durch das die Sonne herein scheint. Man kann den Vorhang so weit öffnen wie man möchte. Die Sonne scheint ohne jegliche Absicht zu erhellen oder zu wärmen, aber wenn man in ihrem Licht steht, wärmt es. Es ist eine Energiequelle, die nie erlischt, sich nie aufbraucht. Es hängt alles davon ab, wie weit man empfänglich ist.
Wir haben im Unterbewusstsein Mechanismen, die auf- und zumachen, und die respektiere ich sehr, das ist nicht negativ, das ist heilsam. Da ist eine höhere Intelligenz am Werk, jenseits von dem, was wir als gut oder schlecht bezeichnen. Und mit der bin ich im Einklang, wenn ich kreiere.
Meine Rolle ist das Sichtbarmachen der Essenz. Ich öffne mich für die geheimnisvollen Energien jenseits von Raum und Zeit, und spüre, wenn ich in diesen Frequenzen schwinge. Ich bin lediglich der Kanal für das, was in diesem Augenblick geschieht, ein Medium für Farben und Strukturen.
Ich meditiere zuerst. Dann bin ich über längere Zeit damit beschäftigt, mich in das vorgegebene Thema oder auf eine bestimmte Person einzustimmen. Es handelt sich dabei nicht um ein Denken. Es ist eine Bewusstheit jenseits des Denkens. - Eigentlich ist mein ganzes Leben ein Bemühen um Meditation. Und ich spüre, dass ich immer näher an das Essenzielle herankomme. Die Mandalas sind ein Ausdruck meiner Reise dorthin.
Ich finde den Ausdruck Künstlerin für mich eigenartig. Ich habe überhaupt keinen Bezug dazu, weil ich gar nicht die Absicht habe, Kunst zu machen. Vielmehr möchte ich dem Ausdruck geben, was ist, und dabei entsteht Schönheit. Ganzheit ist einfach schön.
Für mich ist die Signatur auf meinen Mandalas überhaupt nicht wichtig. Ich unterschreibe meine Werke nur deshalb, weil mir andere geraten haben, meine Werke zu schützen, damit ich mein Brot damit verdienen kann. Ob ich eine Künstlerin bin oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Ich mache einfach, was ich mache.
Ein Freund hat das so empfunden. Ich weiß nicht, ob ich selbst schon gewagt hätte, das so auszudrücken. Aber mein Ziel ist es schon, objektive Kunst zu schaffen. Das heißt, dass ich nur noch das Mittel bin, das Werkzeug, um etwas auszudrücken – ohne meine eigenen Meinungen und Vorstellungen. Ich nehme einen Ist-Zustand auf, so wie mein Bewusstsein ihn in diesem Moment wahrnehmen kann. Es hat allerdings nichts Ernstes und auch keinen Anspruch auf absolute Wahrheit oder Weisheit. Es ist wie eine Welle im Ozean, ein Ausdruck von Wind, Wasser und Kraft, von niemandem in diese bestimmte Form gebracht, sondern einfach entstanden. Ich sehe mich nicht als Urheberin, sondern einfach nur als Werkzeug.
Es ist so eine Freude für mich, die Mandalas zu kreieren, egal, ob sie anderen gefallen oder gekauft werden.
Es gibt Gesetze für Strukturen, Winkel und Proportionen, die schon vor langer, langer Zeit beschrieben wurden. Es sind universale mathematische Gesetzmäßigkeiten, die eine besondere Wirkung auf den Menschen haben und bestimmte Schwingungen hervorrufen.
Ich habe den Begriff übernommen, weil ich unterstreichen wollte, dass ich mich nicht einfach hinsetze und willkürlich ein paar Striche hinwerfe, sondern dass ich mich zentriere und einstimme, um offen zu sein für das, was stimmt. Ich bin zwar nicht daran interessiert, alte Formen zu reproduzieren, aber ich bin verbunden mit der Weisheit, die dahinter steckt. Nur ist es so, dass wir heute, im 21. Jahrhundert, auf anderen Frequenzen schwingen, und die dringlichen Themen unserer Zeit sind andere als vor tausend oder zweitausend Jahren. Deshalb möchte ich keine alten Symbole um mich haben oder gar verwenden. Damit will ich deren Qualität nicht infrage stellen, es ist einfach mein persönliches Verständnis. Das Kreuz kommt natürlich in einem Mandala vor, weil es so universell ist; es ist nicht auf eine bestimmte Epoche oder Kultur bezogen, es ist nicht vom Christentum gepachtet. Das Kreuz ist die Horizontale und die Vertikale, der Treffpunkt zwischen äußerem Leben und innerem Leben, das Einssein.
Mandalas nenne ich die Bilder, die ich ausschließlich von Hand male, mit unterschiedlichen Techniken. Die Symbole hingegen kreiere ich am Computer. Mein Schwerpunkt liegt inzwischen auf diesen Licht-Symbolen. Sie sind wesentlich schneller herzustellen als die handgemalten Mandalas und das ist sehr wichtig, weil ich all das, was in Form kommen will, nie mit der Hand aufs Papier bringen könnte. Das hat aber nichts mit der Qualität zu tun. Die Symbole schwingen einfach anders. Auch wenn sie für eine bestimmte Person kreiert wurden, haben sie eine allgemeingültigere Struktur. Sie wirken nicht so auf der Ebene der individuellen Persönlichkeit, sondern mehr auf einer universelleren Ebene. Die handgemalten Mandalas haben die gleiche Tiefe, aber sie haben Raum für die äußeren Ebenen, die Ornamente, die Schnörkel wie z.B. die Eigenheiten einer Person. Die Symbole dagegen zielen geradewegs auf die Essenz.
Ich arbeite mit einem professionellen, grafischen Computerprogramm. Das ist eine wahrhafte Entdeckungsreise. Ich bin Autodidaktin, ich habe mir meine künstlerischen und technischen Fähigeiten selbst beigebracht. Ich weiss, was ich ausdrücken will und habe experimentell einfach so lange gesucht, bis ich einen Weg fand, z.B. wie ich viele verschiedene Schichten übereinander legen kann.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel am Computer kreieren würde. Aber damit gibt es ganz andere Möglichkeiten als mit der Hand. Mir geht es ja nicht um Kunst und um handfertiges Können, mit dem ich mich brüsten könnte.
Ich wünsche mir natürlich, dass meine Kraftbilder Menschen erfreuen und ihnen helfen können, zur eigenen Mitte zu finden. Und dass sie berührt werden von deren Schönheit.
In meiner Arbeit steckt meine große Liebe für das ganz normale Menschsein, mein Mitgefühl für all die Erfahrungen dieses Lebens. Ich wünsche mir, dass meine Mandalas Menschen vom Krankheitsdenken wegführen können und hin zu der Erfahrung, dass da hinter allem etwas Ganzes existiert. Dass sie den Kanal für die Freude öffnen können, anstatt die Energie in den Kampf gegen das Schlechte und Nichtgewollte zu lenken.
Selbst ein Mandala mit dem Thema 'Angst' oder 'Schmerz' gehört in diesen Zusammenhang, weil es diese zutiefst menschliche Erfahrung, diese Schwingung bejaht und den Betrachter in einen Raum jenseits der Angst und des Schmerzes holt. Es ist ja von einem Menschen kreiert, der die tiefsten Tiefen, die dunkelsten Seiten des Lebens erlebt und überlebt hat. Wie die Mandalas tatsächlich wirken, das wissen wir nicht. Ich weiß aber, dass in der Gegenwart von Mandalas etwas Wunderschönes, etwas sehr Gesundes zu schwingen beginnt .
Mandalas sind unglaublich. Sie sind das Beste, was mir passieren konnte. Ich müsste Mandalas kreieren, selbst wenn niemand eines haben wollte.
